Geschichte des Jazz


Inhaltsverzeichnis

  1. 19. Jahrhundert
  2. 20. Jahrhundert


  1. Jazz - Titelseite
    Steckbrief | Einleitung | Etymologie


  1. Kennzeichen des Jazz & Jazzharmonik


  1. Jazzstile


  1. Jazzstandards

Jazzgeschichte

Siehe auch: Geschichte der Jazz-Standards | Jazzstile

19. Jahrhundert


Im Süden der USA gabe es während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogenannte Brassbands, eine Tradition der Straßenmusik bei der schwarze als auch weiße Marschkapellen (sogenannte „Marching Bands“) zu vielfältigen Anlässen aufspielten. Die afro-amerikanischen Blaskapellen orientierten sich vor allem am Blues sowie kreolischer Musik und mischten diese mit europäischen Musiktraditionen.

Die Musik der „Marching Bands“ wird heute als archaischer Jazz bezeichnet, ein Sammelbegriff der Jazzforschung für die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstandenen Vorformen des klassischen Jazz, insbesondere in der Region New Orleans (siehe auch: New Orleans Jazz). Der archaische Jazz betonte zwar schon die „leichten“ Taktzeiten (2 + 4), es fehlte ihm aber noch die individuelle Improvisation und der Swing (Groove).

Diese Urform des Jazz findet im heutigen Oldtime Jazz eine Fortsetzung, die aber außerhalb New Orleans vorrangig von weißen Musikern gepflegt wird.

Um 1890 entstand der Ragtime (englisch: ragged time für „zerrissene Zeit“), ein Vorläufer des Jazz der als „Amerikas klassische Musik“ gilt und seine Blütezeit zwischen 1899 und 1914 hatte. Ragtime wird heute meist als Klavierstil verstanden, wurde zunächst aber auch auf anderen Instrumenten (insbesondere dem Banjo) und von größeren Ensembles gespielt.

Die Kennzeichen des Ragtime sind zum einen die freizügige Synkopierung in der Melodie, oft gegen eine einfache rhythmische Basslinie im Zweiviertel- oder Vierviertel-Takt verlaufend, und zum anderen ein Satz verwandter Themen, welche innerhalb eines Stücks durch Modulationen miteinander verbunden waren.

Am Klavier ersetzte der Stil in ausnotierten Stücken die Rhythmusgruppe einer Band (Bass und Schlaggitarre) durch die linke Hand. Zwar wurde auch hier noch nicht improvisiert, aber aus der Spannung zwischen dem durchgehenden Viertelbeat und der synkopisch „zerrissenen“ Melodik, entstand bereits eine Art Swing. Scott Joplin war der wichtigste Komponist dieses Stils, sein bekanntester Rag „The Entertainer“, wurde durch den Film „Der Clou“ (1973) erneut populär.

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20. Jahrhundert


Oldtime Jazz / New Orleans Jazz (seit 1900)


Auf die Frage ob der Jazz in New Orleans erfunden wurde oder nicht, gibt es keine absolut gültige Antwort.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts fanden sich seine Vorformen in mehreren Teilen der Vereinigten Staaten, New Orleans bildete dabei einen von Gegensätzen durchzogenen Schmelztiegel. So stellten einige Jazzhistoriker fest, dass der Jazz in New Orleans nicht „erfunden“ sondern geboren und in Chicago sowie New York Erwachsen wurde.

Jelly Roll Morton, ein großer Komponist von Blues, Blues-Songs, Ragtimes und Stomps sowie ein herausragender, extravaganter Pianist, spielte in New Orleans bereits einen weniger festgelegten, „jazzmäßigeren“ Stil. Er behauptete von sich den Jazz „im Jahre 1902 erfunden“ zu haben, jedoch gilt nur die Bedeutung die er mit seinen Bands in den 1920er-Jahren für den Jazz hatte als nachgewiesen, nicht jedoch seine Rolle als Erfinder.

Auch Nick LaRocca behauptete der Urheber des Jazz („Creator of Jazz“) zu sein, jedoch wird auch seine Behauptung von der Jazzforschung bezweifelt.

Buddy Bolden gilt als Hauptrepräsentant des frühen, vmtl. noch ragtimeverwandten Jazz von New Orleans. Nach seinem Vorbild dürfte der Jazz zwischen 1900 und 1915 von zahlreichen Bands und Musiker-Persönlichkeiten entwickelt worden sein, auch außerhalb von New Orleans, wie bpw. in Memphis.

Von Anfang an gab es in New Orleans sowohl afroamerikanische als auch weiße Bands (welche den etwas einfacheren Dixieland Jazz spielten) - die Bands waren wegen der damaligen Rassentrennung noch nach Hautfarben getrennt.

Jazzbands aus New Orleans gingen seit ungefähr 1912 auf Tour, darunter insbesondere die Gruppen von Tom Brown, Bill Johnson oder Freddie Keppard. Erste namhafte Bands die um 1915 New Orleans verließen dürften dazu beigetragen haben, den Jazz in den USA auch abseits des Mississippi zu popularisieren. Es ist auch möglich das bereits Bands die um 1910 in andere Metropolen aufbrachen im Stil des Jazz spielten, jedoch nannten sich die Bands erst ab 1914 auch Jass- beziehungsweise Jazz-Bands.

Beispielsweise Pedro Stacholy's Cuban Jazzband in Havanna (ca. 1914), Tom Brown's Band From Dixieland in Chicago (1915) oder Johnny Stein’s Dixie Jass Band (1916).

Wegen Zwischenfällen mit der Marine, schlossen die Behörden 1917 das Vergnügungsviertel Storyville in New Orleans, in welchem bis dahin zahlreiche Jazzmusiker gute Auftrittsmöglichkeiten hatten. Durch die hohe Zuwanderung in die Großstädte von vor allem Afroamerikanern aus den Südstaaten, wurde die Entwicklung des Jazz dabei maßgeblich beeinflusst. Zuerst in New Orleans und entlang des Mississippi River und später in Chicago sowie anderen Metropolen der USA, entstand aus den Begegnungen der Musikkulturen eine Reihe neuer musikalischer Ausdrucksformen.

Erste Tonaufnahmen

Am 26. Februar 1917 nimmt die (aus weißen Musikern bestehende)Original Dixieland Jass Band“ des Trompeters Nick LaRocca, die erste Jazzplatte überhaupt auf. Der "weiße" Dixieland wurde im Vergleich zum "afroamerikanischen" New Orleans Jazz im Allgemeinen etwas schneller und mit mehr Noten und Akzentuierungen in den Melodien gespielt, wobei es natürlich in beiden Jazzstilen langsame und ruhige Stücke gibt.

Die Mehrheit der Amerikaner kannte den Jazz bis dahin nicht, obwohl er schon längst vielerorts gespielt wurde. Doch bald nach dieser ersten Aufnahme verbreitete sich der Jazz wie ein Flächenbrand und wurde inklusive seiner Tänze (zunächst der Shimmy) zur alles dominierenden Musikrichtung, eine Stellung die er bis Mitte der 50er Jahre behalten sollte.

Bald folgten viele weitere Aufnahmen des New Orleans Jazz bzw. des Dixieland, fast alle davon wurden aber nicht in New Orleans sondern in Chicago gemacht, einige auch in New York. Viele Musiker aus dem Süden, darunter auch Joe King Oliver und sein jüngerer Bandpartner Louis Armstrong, wanderten nach Norden. Die Kneipenszene in Chicago und damit auch die Jazzkultur, wurden auch durch die damalige Prohibition geprägt.

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Ab 1920


In den 1920er Jahren entstand die Stilrichtung des Chicago Jazz. Dabei spielten lokale Amateure den New Orleans Jazz der Profis aus dem Süden nach und formten ihn dabei ihren Fähigkeiten entsprechend um. Dabei erhielt das Saxophon im Jazz zum ersten Mal eine wichtige Rolle, welches ursprünglich ein Militärinstrument war und 1840 erfunden wurde.

Als Louis Armstrong im Jahr 1924 für zwei Jahre nach New York ging um in Fletcher Hendersons Band zu spielen, veränderte dass den Jazz für immer.

Armstrong, der zuvor die instrumentalen Soli zur Kunstform gemacht hatte, schuf in New York den Swing und seine Aufnahme des Songs „Heebie Jeebies“ aus dem Jahr 1926, gilt als erste die den Scatgesang beinhaltet. Bei ersten Aufnahmen von Louis Armstrong's Hot Five am 12. November 1925, werden die Kollektivimprovisation des frühen Jazz teilweise durch Soli der Instrumentalisten abgelöst. Die Aufnahme „West End Blues“, ein langsames und ruhiges Stück aus dem Jahre 1928, wurde von Joe King Oliver geschrieben und von Louis Armstrong und seinen Hot Five interpretiert.

1928 gründete das Hoch'sche Konservatorium in Frankfurt am Main die erste Jazz-Klasse weltweit (ihr Lehrer wird Mátyás Seiber).

Die beim Publikum erfolgreichste Zeit hat der Jazz mit der Ära des Swing vom Ende der 20er Jahre bis zum Anfang der 40er Jahre.

Damit hatte sich der Jazz als Tanzmusik etabliert und die zugehörigen Swing-Tänze (vor allem der Lindy Hop) waren sehr populär. In den späten 30ern entwickelte sich ein langsamer, romantischer Stil des Swing mit Gesang. Erfinder und erfolgreichster Bandleader dieses Stils war ein gewisser Glenn Miller, der es so schaffte ein Publikum zu erreichen, das mit der bis dahin vorherrschenden Variante wenig anfangen konnte.

Weil die Arrangements relativ festgelegt waren, gab es viele Diskussionen ob der Swing den Namen Jazz überhaupt verdient. Abe während des Krieges und auch an der Front, war die Musik beliebt und viele Bandleader gingen damals zum Militär und gründeten Militärbands.

Mit dem Stomp, ein afroamerikanischer Tanz der nach 1923 populär war, sowie der in diesem Tanz verwendete Jazzrhythmus in schnellerem Tempo, wurde noch eine Variante des ursprünglichen Swing populär der durch Count Basie aus Kansas City bekannt wurde. Der Stomprhythmus, mit seinem stark markierten Beat, war im Oldtime Jazz gebräuchlich und spielte insbesondere für die Entwicklung des Kansas City Jazz eine wichtige Rolle. Die Swingmusik der Big Bands wurde durch den Kansas City Jazz, mit seinen robusteren Arrangements die spontaneres Zusammenspiel erlaubten, revitalisiert.

Nach dem Einsatz des Saxophon im Chicago Jazz, machten Herschel Evans, Coleman Hawkins aber auch Lester Young, das Instrument ein zweites Mal zu einem wichtigen Begleiter.

Eine weitere neue Stilrichtung kam durch Count Basie auf, der sogenannte Mitternachtsjazz der ein Vorläufer des Bar Jazz ist damals aber im Schatten der Trends stand. Es handelt sich dabei um eine sehr langsame, ruhige Musik, bei der Saxophon und Klavier die wichtigen Instrumente sind.

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1940er Jahre


Während der Swing Anfang der 40er Jahre noch dominierte, entwickelten Musiker wie u.a. hatten Dizzy Gillespie, Thelonious Monk und Charlie Parker eine neue Richtung des Jazz, die bald als Bebop bekannt werden sollte. Doch wegen des recording ban, einer Streikmaßnahme der Gewerkschaften gegen die Plattenindustrie, aber auch aufgrund der Tatsache das der Bebop während des Krieges nicht im Radio gespielt wurde, blieb dieser zunächst ungehört. Erst als der Bebop ab 1943 bekannt wurde, begann er die Welt des Jazz zu spalten.

Der noch schneller gespielte Stil beruhte insbesondere auf „erweiterten“ Harmonien gegenüber der bisherigen Harmonik und umfasste wesentlich mehr Noten. Bandensembles, Zusammenspiel sowie Arrangements traten dabei in den Hintergrund und Solisten sowie freie Improvisationen dominierten dagegen. Kritiker bemängelten unter anderem die fehlende Tanzbarkeit dieser Modern Jazzform, deren Domäne die aufblühenden Jazzclubs waren.

Die Verbreitung von Heroin in den 1940er Jahren wirkte sich auf das Leben und Wirken vieler Jazzmusiker fatal aus, früher Tod oder Gefängnisaufenthalte waren die Folgen. Drogendelikte zogen oft auch den Verlust der Auftrittslizenz in Clubs mit entsprechenden Einkommenseinbußen nach sich. Aber auch der insbesondere unter den Musikern des New Orleans Jazz weit verbreitete Marihuana-Konsum hatte rechtlich ähnliche Folgen. Unter anderem deswegen kam es in den 1950er Jahren zu einem Exodus wichtiger Jazzmusiker nach Europa und häufig verschwanden diese so aus der Wahrnehmung des amerikanischen Publikums.


Bis zum Ende der 1940er Jahre kam es durch den Krieg und den danach veränderten Geschmack des Publikums (Sänger waren jetzt die Stars der Unterhaltung) zu einem starken Rückgang der Big-Bands. Auch die während des Krieges eingeführte und danach fortbestehende 20 %-ige Steuer auf Unterhaltungsveranstaltungen mit Tanz oder Gesang, spielte dabei eine Rolle. Einige der progressivere Big-Bands, wie jene von Stan Kenton oder Woody Herman, beschritten auch neue Wege mit komplexeren Arrangements.

Unter dem Titel „Jazz at the Philharmonic“ organisierte der Intendant Norman Granz ab der zweiten Hälfte der 1940er Konzerte im Zuge landesweiter Tourneen, die den Jazz aus den Tanzsälen und Clubs in die großen Konzerthäuser brachte. Die swingenden und wilden Jamsessions, deren Mitwirkende sich nicht für Grenzen zwischen Swingjazz und Bebop interessierten, wurden zu einem wichtigen „Wanderzirkus“ und Musiker wie Stan Getz, Ella Fitzgerald oder Oscar Peterson wurden dadurch bald landesweit bekannt.


1949 entwickelte sich eine Gegenbewegung zum hektischen Bebop. Der langsame und verträumt wirkende Cool Jazz, dessen Geburtsstunde insbesondere die Miles Davis' Aufnahmen zu Birth of the Cool markieren.

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1950er Jahre


Vor allem bei Musikern der Filmstudios in Hollywood entwickelte sich ab 1952 der West Coast Jazz, eine mehr auf Unterhaltung setzende Variante des Cool Jazz. Und Mitte der 50er Jahre entwickelten afroamerikanische Musiker aus dem Bebop den Hardbop, ein besonders ausgeprägter Jazzstil der als afro-amerikanische Gegenbewegung zum West Coast Jazz verstanden wurde.

Unter dem Motto „Voice of America“ entsandte das State Department ab Mitte der 1950er Jahre Jazzmusiker als sogenannte Jazz Ambassadors (musikalische Botschafter) in andere Länder. So präsentierte bspw. Willis Conover den Jazz auch im Ostblock.

Im Laufe der 50er Jahre entwickelte sich aus dem Rhythm and Blues eine weitere Musikform, die beim weißen Publikums immer beliebter wurde: Der Rock and Roll.

Der Jazz war damit nicht mehr die einzige Populärmusik und ging in der Öffentlichkeit langsam unter, was auch durch die vor allem für afroamerikanische Musiker immer schlechter werdenden Auftrittsmöglichkeiten in den Vereinten Staaten begünstigte wurde. Deswegen und auch angesichts der weiter bestehenden Rassentrennung, ließen sich zahlreiche amerikanische Jazzmusiker (wie z.B. Bud Powell) in Europa und hier vor allem in Paris nieder.

Insbesondere in Großbritannien entsteht aus der Pflege der traditionellen Spielarten des Jazz nach 1950 der „Traditional Jazz“. Dieses Revival des Dixieland ist mit Namen wie u. a. Chris Barber, Acker Bilk, Ken Colyer, Rod Mason, Monty Sunshine oder der Dutch Swing College Band verbunden.

Bestimmte Kreise der Jazz-Musiker entwickelten aus einer Verbindung des Cool Jazz mit dem Hardbop eine experimentelle freiere Spielrichtung, die zunächst als Avantgarde und deren Erschaffer als Avantgardisten bezeichnet wurden. In Werken wie z.B. „We Insist! Freedom Now Suite“, spiegelt sich eine politische und gleichzeitig musikalische Rückbesinnung auf musikalische Traditionen aus Afrika wieder, die Max Roach mit dieser Musik verband (auf ähnliche Weise gingen auch Randy Weston und Melba Liston vor).

Ornette Coleman war einer der bedeutendsten Entwickler des um 1957 entstandenen Free Jazz, und in den 1960ern neben John Coltrane auch der bekannteste Vertreter dieses Stils.

Coleman veröffentlichte 1961 die Platte „Free Jazz“, die auf beiden Seiten aus einem einzigen Titel bestand. Der Free Jazz hob alle musikalischen Gesetzmäßigkeiten auf und erlaubte den Musikern dabei alles, was in der in der Welt des Jazz Diskussionen auslöste da die Musik ohnehin bereits als Inbegriff der Freiheit betrachtet wurde.

Anders als in Europa, hatte der Free Jazz beim breiten Publikum in den USA nur wenig Erfolg, was die Vertreter der freien Black Music die ihre Musik dem afroamerikanischen Publikum in deren Stadtteilen vorstellte leidvoll erfahren mussten: Einige Musiker wurden dabei beschimpft, andere wurden angespuckt, mit Eiern und anderen Dingen beworfen oder sogar attackiert, physisch ebenso wie durch die schwarze Presse. Als Konsequenz intensivierte die „Association for the Advancement of Creative Musicians“ in Chicago die schulische Musikausbildung der nachwachsenden Generationen.

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1960er Jahre – Die Zeit großer Veränderungen


In den frühen 1960er Jahren entstand eine noch geradliniger aufgebaute Weiterentwicklung des Hard Bop, der Soul Jazz, welcher mehr auf gesangsartige Melodien aufbaut und als funkige Variation gilt. Damit wurde auch versucht, wieder eine Nähe zur Musik der afroamerikanischen Jugendlichen herzustellen.

Creed Taylor entließ Anita O'Day und Mel Tormé 1962 aus ihren Verträgen bei Verve und Atlantic tat dasselbe mit Chris Connor. June Christy nahm 1965 ihr letztes Album für Capitol auf und Mark Murphy sowie Jackie Paris verließen das Land.

1964 erreichten die Beatles auch die Vereinigten Staaten und feierten ihren fulminanten Aufstieg. Die endgültige Etablierung der Rockmusik beendete schließlich die Erfolgsära des Jazz endgültig, einzig Louis Armstrong landete in diesem Jahr mit dem Song „Hello Dolly“ noch einen Hit, der in den Charts vor den Beatles auf Platz Eins stand.

Im Verlauf der 1960er Jahre wurden alle legendären Jazzhallen geschlossen. Machten Jazz und Swing in den späten 30er Jahren noch 70 % aller verkauften Schallplatten aus, waren es Mitte der 70er weniger als 3%.

Auf Drängen der Plattenindustrie und insbesondere der Major Labels, ließen sich viele Jazzvokalisten darauf ein kommerzielles Material aufzunehmen.

Will Friedwald schrieb dazu in seinem Buch „Swinging Voices“: „[...] schließlich entschloss man sich dazu, die Entscheidungsfreiheit auf Seiten der Künstler ebenso abzuschaffen wie auf Seite der Konsumenten.“.

Damit gab er auch die Meinung von Lew Tabackin wieder, welcher über seine Erfahrungen bei Aufnahmen bei Motown folgendes berichtete: „Alles musste austauschbar sein. Wenn eines der Mädchen Zicken machen sollte, konnte sie durch eine andere ersetzt werden, und niemand würde den Unterschied bemerken. Da war kein Platz für Jazz in ihrem Denken.

Der Avantgarde stand Miles Davis zunächst skeptisch gegenüber, aber näherte sich ihr schließlich an. Ab der Mitte der 1960er verschmolzen Davis und andere Musiker wie Larry Coryell, Herbie Hancock, John Klemmer oder Tony Williams die Riffs und Rhythmen der Rockmusik mit Jazzimprovisationen.

Bei diesem Rockjazz wurden hauptsächlich elektrisch verstärkte Instrumente wie E-Gitarren und Synthesizer eingesetzt und auch die Blasinstrumente wurden entsprechend verstärkt. Der Rockjazz war im Verglleich zu anderen Jazz-Aufnahmen dieser Zeit kommerziell sehr erfolgreich und schaffte noch einmal den Zugang zum Massenpublikum (und dabei auch zur Jugendkultur). Nicht nur Davis, der im Fillmore East ebenso wie Rockgruppen auftrat, steht hierfür beispielhaft, sondern auch die Gruppe Weather Report, welche ebenfalls vor großem Publikum auftrat und dementsprechende Plattenverkäufe erzielte.

Während die Popmusik von der jungen Generation erobert wurde, polarisierte sich der Jazz in kommerziellem Jazz Funk auf der einen und dem anti-kommerziellem Free Jazz auf der anderen Seite. So kam es, das Miles Davis den Jazz 1975 für „tot“ erklärte und ihn darüber hinaus als „Museumsmusik“ bezeichnete.

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Das Comeback des Jazz


Nach 15 Jahren Aufenthalt in Europa, kehrte der in den USA nur wenig bekannte Jazz-Musiker Dexter Gordon 1976 in die Vereinigten Staaten zurück. Mit seinem Spiel des traditionellen Jazz mit Blues-Feeling und einem Schwerpunkt auf Swing, hatte er bei seinen Auftritten großen Erfolg und sein Album „Homecomming“ von 1977 wurde ein Hit.

Als Folge waren in den US-amerikanischen Geschäften wieder zuvor kaum noch erhältliche Platten von Jazzgrößen wie u.a. Duke Ellington erhältlich, die Jazzszene der USA erfuhr so wieder Auftrieb und legte ab hier das Fundament für einen Jazz, der seither als eine zeitlose Musikrichtung neben anderen existiert.

In den 1980er Jahren erlangte der sehr der Tradition verbundene Trompeter Wynton Marsalis bedeutenden Einfluss.

In den Radiosendern der Vereinigten Staaten ist Jazz zwar kaum noch vertreten, abgesehen von Marian McPartlands Gesprächskonzerten mit bedeutenden Musikern sowie den College-Sendern, der Smooth Jazz wird aber in speziellen Radiosendern regelmäßig gespielt. Der Smooth Jazz ist eine auf komplexe Improvisationen verzichtende Spielart des Jazz, die in Europa fast nicht vertretene ist.

In der Musikausbildung amerikanischer Musikhochschulen und Konservatorien ist der Jazz mit eigenen Studiengängen anerkannt und in New York widmet sich die gemeinnützige Einrichtung von Wynton Marsalis geleitetem „Jazz at Lincoln Center“ der Förderung der Jazzmusik als klassischer Musik Amerikas. Wobei der im Laufe der letzten hundert Jahre entstandenen Musik hier der Vorzug gegenüber der Weiterentwicklung des Jazz gegeben wird, obwohl die stilistische Bandbreite und die Unterschiede der verschiedene Jazzszenen gegenwärtig so groß wie nie zuvor ist.

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Entwicklungen der Gegenwart


Die vielfältigen Seitenarme der gegenwärtigen Jazzentwicklung, wie u.a. die Downtown-Szene um Musiker wie John Zorn sowie Dave Douglas oder der Saxophonist Steve Coleman, tragen ihren Teil zur Lebendigkeit des aktuellen Jazz bei. Veteranen wie Sonny Rollins und Keith Jarrett spielen nach wie vor auf sehr hohem Niveau und David Murray führt die Entwicklungen des Jazz aus den späten 1960ern in eine neoklassische Form.

Der Gitarrist Pat Metheny ist nicht nur bei Jazzfans erfolgreich und Talente wie die Sängerin Cassandra Wilson oder der Saxophonist James Carter geben dem Jazz neue Impulse.

Mit ihrem individuellen Stil des Pop-Jazz, erhielt die Komponistin, Sängerin und Pianistin Norah Jones 2003 acht Grammys für ihr Album „Come Away With Me“ und feierete damit den größten Erfolg der jüngeren Jazzgeschichte.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Jazz daneben mit zahlreichen Stilrichtungen kombiniert, wie bspw. mit dem Hip Hop, oder in andere Stilrichtungen wie Pop und House integriert und trug so zu deren Vielfalt bei.

Viele aktuelle Entwicklungen sind jedoch sowohl bei Kritik als auch Hörern teils heftig umstritten und manchen Musikern wird einerseits sturer Traditionalismus vorgeworfen, während anderen die Entfremdung von den afro-amerikanischen Wurzeln des Jazz und damit die Aufgabe wesentlicher Elemente der Musik vorgehalten wird.

Solche Kontroversen haben dazu geführt, dass der Jazz als Gattungs-Bezeichnung äußerst unscharf wurde und entsprechend verschieden ausgelegt wird.

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