Machart (Konstruktionsweise)
eines Schuhs

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung
  2. Direkt angesohlte Macharten

  3. AGO-Machart
  4. Genähte Macharten

  5. Weitere Macharten
  6. Varianten

  1. Schuhe Inhaltsverzeichnis
sp_banner_wide-skyscraper_160x600a

Machart (Konstruktionsweise)

Siehe auch: Der Prozess der Schuhfertigung | Schuhmodelle | Passform und Schuhgröße


Glasgemälde eines Schusters bei der Arbeit Im Schuhbau bezeichnet „Machart“ die Art und Weise der Verbindung (Vernähung) von Schuhschaft (Oberteil) und Schuhboden – die verschiedenen Konstruktionsweisen von Schuhen entwickelten sich aus überlieferten Verfahren, die durch neue technische Möglichkeiten erweitert wurden. Die Machart eines Schuhs hat grossen Einfluss auf dessen Preis, seine Haltbarkeit, die Passformstabilität, ebenso wie die Dichtheit gegenüber Wasser und die Reparaturfreundlichkeit und ist, neben dem verwendeten Material, das Hauptkriterium zur Beurteilung der Qualitäts eines Schuhs. Je nach den gestellten Anforderungen an den Schuh, wird eine bestimmte Machart angewandt – so sollten hochwertige Businessschuhe rahmengenäht und robuste Wanderschuhe zwiegenäht sein.


Zwar gibt es nicht viele Originalmacharten, doch aus Gründen der Umgehung von Lizenzen (und dadurch anfallender Gebühren) wurden viele Macharten variiert und unter eigenständigen Bezeichnung angeboten. Auch kommt es vor, dass dieselbe Machart in anderen Ländern unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt ist. Die Begriffsvielfalt und die vielen variierten Macharten haben auch unter Schuhhändlern das Verständnis erschwert. So erkennen auch Fachleute rein vom Namen einer Variation oft nicht mehr die zugrunde liegende Machart.

Zudem werben einige Schuhhersteller gerne mit der Vielzahl abn Macharten mit denen ihre Schuhe gefertigt werden. Bei einer genaueren Analyse zeigt sich aber oft, dass lediglich variierte oder kombinierte Macharten verwendet werden (bei denen bspw. eine Naht nur etwas anders verläuft, eine zusätzliche Klebung erfolgte, usw.). Eine Fantasiebezeichnung ist die Bezeichnung „rahmenvernäht“, bei der meist nur eine rahmengenähte Machart vorgetäuscht wird wo in Wirklichkeit kombiniert durchgenähte Schuhe verkauft werden.


[zum Index]


Die Originalmacharten sind grob in vier Gruppen unterteilt ...


Direkt angesohlte Macharten

Die Direktansohlung ist eine für Sportschuhe und niedrigpreisige Halbschuhe typische Machart.


Anvulkanisierte Sohle

Die in der Regel vorgepresste aber noch formbare Sohle, wird auf den Schuhoberteil aufgebracht und anschließend durch Vulkanisation (Kautschuk wird durch Temperatur und Druck gegen atmosphärische bzw. chemische Einflüsse sowie mechanische Beanspruchungen widerstandsfähiger gemacht) zu einer festeren elastischen Form umgewandelt und mit dem Oberteil verbunden. Große Verbreitung erfuhr die Methode mit der Entwicklung neuer thermoplastischer Kunststoffe in den 1940er Jahren.

Angespritzte Sohle

Eine Gussform in welcher ein Oberschuh plaziert ist, wird mit Kunststoff aufgefüllt - dadurch entsteht die Sohle, welche gleichzeitig direkt mit dem Oberschuh verbunden wird. Rentabel wurde diese Methode erst mit der Massenproduktionen Mitte der 1950er Jahre, da für jede Schuhgröße teure Formen benötigt werden, was sich erst bei hohen Stückzahlen rentiert. Ist das gegeben, ist es im Vergleich zu den anderen Macharten das kostengünstigste Produktionsverfahren.


[zum Index]


AGO-Machart

Die Sohle wird mit dem Oberteil verklebt. Als Francesco Rampichini 1911 einen Klebstoff entwickelte der auch Leder mit Leder verkleben konnte, ergab sich diese neue Verbindungsmöglichkeit genannt AGO (another great opportunity) die viel Zeit sparte. Erst nach einigen Jahrzehnten gelang es den Klebstoff so weiterzuentwickeln, dass er eine ausreichend flexible Schicht ergab um den Anforderungen eines Schuhs gerecht zu werden.


[zum Index]


Genähte Macharten

Skizze der kombiniert durchgenähten Machart

Dabei handelt es sich um eine traditionelle Methode, bei welcher der Oberschuh mit der Sohle (entweder händisch oder maschinell) vernäht wird. Zusätzlich wird bei der Methode unterschieden, wie die Naht im Detail geführt wird – das kann je nachdem Vorteile (bspw. eine schnellere und einfachere Produktion) oder auch Nachteile (wie Wasserdurchlässigkeit) haben.

Durchgenähte Machart

Das Merkmal durchgenähter Schuhe ist die direkt mit der Laufsohle (unterste Sohlenschicht) vernähte Brandsohle (Innensohle). Durchgenähte Schuhe benötigen dadurch keine Ausballung und zusätzliche Isolierschicht.

Für die durchgenähte Machart wird eine spezielle Langhorn-Nähmaschine verwendet, welche die Laufsohle ohne Rahmen direkt durch die Brandsohle und den Zwickeinschlag des Schaftes hindurch vernäht. Da bei der durchgenähten Machart weniger Arbeitsschritte notwendig sind als bei der rahmengenähten Machart, ist auch der Preis solcher Schuhe niedriger.

Ein typischer durchgenähter Schuh ist bspw. der Loafer.


[zum Index]

Rahmengenähte Macharten

(Goodyear welted)
Bei der rahmengenähten Machart liegt der Rahmen zwischen Schaft und Laufsohle. Einer der Vorzüge dieser Machart ist das die Innensohle (Brandsohle) beim vernähen nicht durchstochen wird und so kein Wasser in das Schuhinnere dringen kann. In rahmengenähter Machart werden bspw. Oxford und Derby hergestellt.

Skizze der Goodyear Einstechmaschine Synonym für die rahmengenähte Machart steht die Bezeichnung „Goodyear welted“, eine von Andreas Eppler erfundene und 1872 von Charles Goodyear Junior patentierte maschinelle Fertigungsmethode für Herrenschuhe mittels Goodyear Einstechmaschine (siehe linke Abbildung) und Goodyear Aufdoppelmaschine. Zuerst wird der Schaft mittels einer Einstechnaht von außen mit der Brandsohle (Innensohle) vernäht, gleichzeitig wird auf der Außenseite des Oberschuhs der Rahmen (ein ca. 3mm breiter Lederstreifen) mit einer unsichtbaren Einstechnaht aufgenäht – mit einer zweiten Naht (Doppelnaht) wird anschließend der Rahmen von unten mit der Laufsohle vernäht.

Die Methode ist im Vergleich zu anderen Macharten sehr aufwendig und daher auch teurer, bietet aber auch entscheidende Vorteile. So kann kein Wasser in das Schuhinnere dringen, da die Innensohle nicht durchstochen wurde. Zudem sind rahmengenähte Schuhe deutlich länger haltbar, haben eine hohe Passformtreue (fühlen sich nicht „ausgelatscht“ an), können einfacher repariert werden und sehen auch noch sehr elegant aus (für ihre Herstellung werden nur die besten Materialien verwendet). Aufgrund dieser Eigenschaften ist ein rahmengenähter Schuh auf Dauer eine gute Investition, da man sich durch seine Langlebigkeit Mehrausgaben für ein neues Paar Schuhe sparen kann.


Ursprung
Wie archäologische Funde beweisen, wurden die ersten rahmengenähten Schuhe bereits im 16. Jahrhundert erzeugt. Es handelte sich dabei um den sogenannten Kuhmaulschuh der den in Europa bis dahin weitverbreiteten Schnabelschuh allmählich ablöste. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die, bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert ausschließlich in Handarbeit durchgeführte, Rahmennähweise stetig verbessert, bis sie 1872 in England von Charles Goodyear Junior durch seine Goodyear Einstechmaschine und Goodyear Aufdoppelmaschine revolutioniert wurde. Durch die maschinelle Fertigung stiegen die Produktionszahlen während gleichzeitig die Preise sanken.


Varianten der rahmengenähten Machart
  • Zwiegenähte Machart
    Die zwiegenähte Machart ist eine Variante der Rahmengenähten Machart, die überwiegend für besonders robuste Schuhe (wie z. B. Bergschuhe) zum Einsatz kommt. Zwiegenähte Schuhe sind im direkten Vergleich zu rahmengehnähten deutlich widerstandsfähiger und wasserdichter, sehen aber auch dementsprechend uneleganter aus.

    Bei dieser Machart wird der wird der Rahmen (statt von unten) von der Seite an die Brandsohle (Innensohle) genäht, wodurch die Einstechnaht nicht innen auf der Brandsohle sondern außen auf dem breiten Rahmen neben der Doppelnaht liegt. Die Bezeichnung zwiegenäht bezieht sich darauf, das Schaft und Boden durch zwei sichtbare Nähte miteinander verbunden sind.

  • Veldtschoen Machart
    Die Veldtschoen Machart ist einer Variante der Rahmengenähten Machart, genauer gesagt eine rahmengenähte Bodenmachart, welche von südafrikanischen Jägern erfunden wurde.

    Bei dieser Machart wird zuerst das Futter (ohne das Oberleder) mit dem Rahmen an das Gemband bzw. die Einstechlippe genäht . Anschließend wird das zuvor ausgelassene Oberleder auf den Rahmen gelegt und durch diesen hindurch an die Zwischensohle gedoppelt. Eine zweite Naht verbindet das Oberleder mit dem Rahmen und der Laufsohle. Bei dieser Machart entstehen formstabile, robuste und wasserdichte Schuhe wie Englische Countryschuhe oder Bergschuhe.


[zum Index]

Mokassin-Machart

(neben Mokassins typisch für viele Loaferschäfte, auch durchgenähte)

Die Mokassinmachart ist eine Schuhbauweise, die sich von allen anderen Macharten grundlegend unterscheidet, da der Schaft von unten um den Leisten gelegt wird - der Schaft ist also zugleich die (Innen-)Sohle. Der Name dieser Machart leitet sich vom Schuhmodell Mokassin ab, für welches die Machart charakteristisch ist.

Auch der Schuhschaft viele Loafer (Schlupfhalbschuhe mit Absatz) wird in Mokassinmachart gebaut. Allerdings kommt noch eine zusätzliche (Innensohle) in den Schaft und der Schuh wird nach unten immer mit einer zusätzlichen separaten Laufsohle versehen und in der Regel um einem Absatz ergänzt.


Normalerweise werden Schuhe um dreidimensionale Formen (Leisten) herum gebaut, indem ein Schaft (das Schuhoberteil) von oben über den Leisten gezogen und von unten durch eine Sohle (Brandsohle) ergänzt/verschlossen wird.

Anders bei der Mokassinmachart, bei welcher der Schaft (der Unterteil der Mokassin) von unten um den Leisten herum nach oben geführt wird und die sich ergebende Öffnung an der Oberseite (also der Fußrücken) abschließend mit einem U-förmigen Blatteinsatz (Mokassineinsatzteil) verschlossen wird. Bedingt durch diese Konstruktionsweise, steht die Fußsohle also nicht auf einer separaten Innensohle (Brandsohle) sondern auf dem Schaftleder.


[zum Index]

Flexibel genähte Machart (bspw. Freizeitschuhe wie „Clarks Desert-Boot“)
Wendegenähte Machart Der Schuh wird nach dem Nähen umgestülpt (bspw. angewendet bei Hausschuhen)

Weitere Macharten


[zum Index]


Varianten


Originalmachart Originalmachart sagt aus, das die Bodenbefestigung mit den Originalmaschinen, Werkzeugen und Materialien gemacht wird die auch bei der Einführung dieser Machart genutzt wurden.
Variierte Machart Bezeichnet eine Originalmachart bzw. eine kombinierte Machart, für die andere Werkzeuge und Werkstoffe benutzt werden.
Kombinierte Machart Bezeichnet eine Fertigung bei der mindestens zwei verschiedene Macharten zur Bodenbefestigung des Schuhs genutzt werden.

Selbst unter Fachleuten sorgen kombinierte Macharten gelegentlich für Diskussionen, da es nicht immer klar ist welches der angewendeten Bodenbefestigungsverfahren die Hauptmachart ist. Die Definition dafür ist aber eindeutig: Die (Haupt-)Machart definiert sich durch die zuerst zum Einsatz kommende Machart.


[zum Index]